PISA: Der Turm kippt – FDP Hattersheim fordert Mut zum Anspruch

Die aktuellen PISA-Ergebnisse geben wenig Anlass zur Freude. Deutschlands Schüler sind auf den schlechtesten Stand seit Beginn der Erhebung im Jahr 2000 zurückgefallen. Rund ein Drittel kann nur unzureichend lesen und rechnen. Besonders bemerkenswert findet die FDP Hattersheim die Diagnose des PISA-Koordinators Andreas Schleicher: Das deutsche Bildungssystem verliere seinen Anspruch. Gleichzeitig verweist er auf die Bedeutung von Struktur und Disziplin – gerade für Kinder aus einem schwierigeren sozialen Umfeld.

Wie groß der Abstand inzwischen geworden ist, zeigt auch ein Blick nach Asien. In den vier an PISA teilnehmenden chinesischen Regionen Beijing, Shanghai, Jiangsu und Zhejiang erreichen 54 Prozent der Schüler in Mathematik die beiden höchsten Kompetenzstufen. In Deutschland sind es acht Prozent. Die chinesischen Ergebnisse sind zwar nicht repräsentativ für das gesamte Land – beruhigender macht der Unterschied das allerdings nicht.

„Struktur und Disziplin sind keine Gegensätze zu Chancengerechtigkeit. Kinder brauchen Unterstützung. Aber wir müssen ihnen auch etwas zutrauen und dürfen deshalb etwas von ihnen verlangen“, sagt Norbert Reichert, Vorsitzender der FDP Hattersheim.

In der öffentlichen Diskussion wird das schlechte Abschneiden häufig mit dem sozialen Hintergrund der Eltern oder einem Migrationshintergrund erklärt. Die Zusammenhänge sind nicht wegzudiskutieren. Als Erklärung für schlechte Bildungsergebnisse allein greift das jedoch zu kurz. Andere Länder zeigen, dass auch ein hoher Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund und gute Bildungsergebnisse zusammenpassen können.

Unterschiedliche Startbedingungen sind eine Herausforderung für das Bildungssystem – keine Prognose über die Fähigkeiten eines Kindes.

„Gerade wenn Kinder von zu Hause unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen, muss ein gutes Bildungssystem diese Unterschiede möglichst früh erkennen und ausgleichen“, so Reichert. „Wer geringere Erwartungen mit schwierigen sozialen Voraussetzungen begründet, läuft Gefahr, ausgerechnet diejenigen Kinder abzuschreiben, denen Bildung neue Chancen eröffnen soll.“

Sprachförderung muss früh beginnen

Für die FDP beginnt diese Aufgabe lange vor PISA und vor der Einschulung: in den Kitas. Dort werden wichtige Grundlagen für Sprache, Konzentration, Neugier und späteres Lernen gelegt.

Besonders deutlich wird das bei der Sprache. Wer sprachliche Defizite erst in der Schule feststellt, hat wertvolle Jahre verschenkt. Sprachförderung muss deshalb bereits in der Kita gezielt einsetzen. Dazu muss aber auch festgestellt werden, wo ein Kind steht und ob die Förderung tatsächlich Fortschritte bringt.

„Es hilft keinem Kind, aus Rücksicht auf seine Herkunft weniger von ihm zu erwarten. Im Gegenteil: Gerade wer mit schlechteren Voraussetzungen startet, hat Anspruch auf besonders gute Förderung – und darauf, dass wir ihm etwas zutrauen“, so Reichert.

Dabei sieht die FDP manche Entwicklung in der frühkindlichen Pädagogik kritisch. Freies Spiel und Selbständigkeit gehören selbstverständlich in eine Kita. Ein offenes Konzept darf aber nicht mit dem Verzicht auf klare Strukturen, Anleitung und Entwicklungsziele verwechselt werden. Pädagogische Freiheit darf nicht in pädagogisch verbrämte Beliebigkeit kippen.

Ohne Ziel lässt sich kein Fortschritt messen

Reichert verweist auf einen britisch geprägten pädagogischen Ansatz, den er durch die Schulzeit seiner Kinder kennengelernt hat. Im Mittelpunkt standen klare Lernziele und der individuelle Lernfortschritt: Was beherrscht ein Kind bereits, wo braucht es Unterstützung und wo kann ihm bereits mehr zugetraut werden?

„Das Prinzip ist eigentlich banal: Ohne Ziel kann man keinen Fortschritt messen. Und ohne eine vernünftige Datengrundlage kann man nicht gezielt fördern.“

Dabei geht es ausdrücklich nicht um permanente Tests oder zusätzlichen Leistungsdruck. Entwicklungsbeobachtung soll helfen, Förderbedarf früh zu erkennen und anschließend auch festzustellen, ob die Förderung wirkt. Das gilt übrigens in beide Richtungen: Ein gutes Bildungssystem sollte nicht nur erkennen, wo ein Kind Schwierigkeiten hat, sondern auch, wo es mehr leisten kann, als ihm bislang zugetraut wird.

Mehr Eigenverantwortung statt Förderbürokratie

Für die FDP gehört dazu gleichzeitig mehr Freiheit für Schulen und Kitas. Immer neue Förderprogramme mit jeweils eigenen Anträgen, Vorgaben und Verwendungsnachweisen sind kein Ersatz für eine vernünftige Bildungspolitik. Einrichtungen brauchen klare Ziele, eine verlässliche Ausstattung und den Handlungsspielraum, vor Ort selbst zu entscheiden, wie sie diese Ziele am besten erreichen.

„Wir sollten Bildung stärker über Ziele und Ergebnisse steuern und weniger über Fördertöpfe und Formulare. Mehr Selbständigkeit bei klaren Bildungszielen ist wichtiger als immer neue Förderprogramme“, so Reichert.

Darin sieht die FDP auch einen konkreten kommunalen Ansatzpunkt. Als Träger von Kindertagesstätten kann Hattersheim gemeinsam mit den pädagogischen Fachkräften prüfen, ob Entwicklungsziele klar genug definiert sind, Förderbedarf früh genug erkannt wird und die Fachkräfte ausreichend Freiheit haben, darauf zu reagieren. Daraus darf allerdings nicht die nächste Dokumentationspflicht entstehen.

Die Konsequenz aus PISA ist für die FDP deshalb nicht die Forderung nach dem nächsten großen Bildungsprogramm. Es braucht wieder mehr Mut zum Anspruch: klare Ziele, verlässliche Strukturen, eine sinnvolle Datengrundlage, gezielte Förderung und mehr Vertrauen in diejenigen, die Bildung vor Ort gestalten.

„Chancengerechtigkeit bedeutet nicht, die Latte niedriger zu hängen. Sie bedeutet, möglichst jedem Kind dabei zu helfen, darüberzukommen.“

Quellen und weiterführende Informationen